SONDERAUSGABE VOM 25.10.2017


 Liebe/r Leser*in,

unser Herbstnewsletter stand unter dem Motto „Neues wagen, die Komfortzone verlassen“. Daran knüpfen wir mit diesem Sondernewsletter an.
Neue Wege gehen. Unter diesem Vorzeichen werfen wir zunächst einen forschenden Blick auf ganz unterschiedliche Karrierewege von promovierten Akademikerinnen.
Karrierewege sind vielfältig, das zeigen nicht nur die hier vorgestellten Studien. Drei Frauen, die an einer Hochschule promovierten und sich dann für eine Karriere außerhalb der Universität entschieden, berichten von ihren persönlichen Karrierewegen. Was sie dazu bewog, in die Wirtschaft, in eine außeruniversitäre Forschungseinrichtung oder in die Selbständigkeit zu gehen, und welchen Herausforderungen sie sich gegenübersahen, das verraten sie Ihnen, liebe Leser*innen. Diese Frauen geben Ihnen außerdem wertvolle Karrieretipps und -strategien mit auf den Weg. Denn vielleicht wägen Sie gerade ab, welchen Weg Sie gehen wollen: In der Wissenschaft bleiben? Eine Karriere in der Wirtschaft anstreben? Oder doch lieber in die Selbständigkeit?

Wir wünschen Ihnen viel Spaß bei der Lektüre und die für Sie passende und „richtige“ Entscheidung für Ihren Karriereweg!

Doris Cornils & Anne-Kathrin Guder

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Doris Cornils & Stefanie Schönbach-Fuleda

KARRIEREWEGE VON PROMOVIERTEN AKADEMIKERINNEN

Karrierewege verändern sich fortlaufend und sind – wie die Arbeitswelt ingesamt – im Wandel. Das Verständnis von Karriere als kontinuierlicher Aufstieg auf einer Karrierleiter verliert in diesen Prozessen an Bedeutung. Baustein- bzw. Patchworkkarrieren sind das Zukunftsmodell, insbesondere in internationalen Wirtschaftsunternehmen. Aber auch das Wissenschaftssystem befindet sich im Wandel. Es gibt hier zwar nach wie vor bestimmte Qualifizierungsphasen und auch der Status Professor*in verliert nicht an Attraktivität. Die gestiegene Anzahl an hochqualifizierten Nachwuchswissenschaftler*innen führt jedoch zu einer stärkeren Selbstverantwortung auf dem akademischen Karriereweg. Sehr gute Leistungen zu erbringen reicht nicht mehr, um eine der begehrten Professuren zu bekommen. Promovierende stehen somit nicht nur alternative Karrierewege zur Verfügung, sondern es eröffnen sich unterschiedliche Pfade, die es zu beleuchten gilt.

Im Laufe des Lebens kommt man bzw. frau an Wegkreuzungen. Rechts? Links? Geradeaus? Wohin des Weges?
Vor allen Dingen nach der Promotion stellt sich für hochqualifizierte Akademikerinnen die Frage; sind sie doch einen weiten Qualifizierungsweg mit einigen Höhen und Tiefen gegangen, um den Doktortitel zu erlangen. Dieser Titel soll sich selbstverständlich auch im Laufe der zukünftigen Karriere ideell und monetär auszahlen. Deshalb gilt es zu prüfen: Was haben die Universitäten diesen Frauen zu bieten? Und wie sieht es mit alternativen Karrierewegen in der Wirtschaft aus? Vielleicht stehen Sie, liebe Leser*innen, auch gerade an einer Weggabelung und fragen sich: Wohin des Weges?

In diesem Beitrag widmen wir uns diesen Fragen, beleuchten im ersten Abschnitt auf der Grundlage von Studien die Karrierewege und -chancen für promovierte Akademikerinnen in der Hochschule und in der Wirtschaft. Im zweiten Abschnitt stellen wir drei Karrierewege von Frauen vor, die an der Wegkreuzung standen und ganz unterschiedliche Entscheidungen fällten. Dass diese Frauen, in den mit ihnen geführten Interviews, auch noch Auskunft über ihre Top-Karrierestrategien gaben, ist ein Glücksfall!
Wir geben Ihnen in einem kompakten Überblick die wichtigsten und zentralen Karrieretipps mit auf Ihren Weg und fassen abschließend noch einmal die Kernbotschaften dieses Beitrages zusammen.

Karriereweg Hochschule

Der akademische Karriereweg innerhalb der Hochschule führt in der Regel über die Promotion und die Post-Doc-Phase zur Professur. Professor*in zu werden ist jedoch mit einigen Herausforderungen verbunden. Dazu zählt in erster Linie ein langer Qualifikationsweg und eine unsichere Karriereplanung. Befristete Folgebeschäftigungen sind die Regel. Hinzu kommt eine hohe Konkurrenz unter den Nachwuchswissenschaftler*innen, denn die Anzahl der Post-Docs mit Aufstiegsambitionen ist wesentlich größer als die frei werdenden Professuren. Eine weitere Karrierehürde stellt die Befristungshöchstgrenze dar, sowie bei Nicht-Erreichen der Professur die Frage „Was tun, wenn die Lebenszeitprofessur nicht erreicht wird?“ (vgl. Bredis et al. 2014: 1; vgl. auch Gross et al. 2017).

Was motiviert Nachwuchswissenschaftlerinnen trotz der Herausforderungen diesen Karriereweg zu wählen? Neben dem Erreichen einer Professur und somit einer der höchsten Positionen im Wissenschaftsbetrieb, zählt vor allem die Möglichkeit, dauerhaft anspruchsvoll wissenschaftlich in Lehre und Forschung arbeiten zu können, zu den zentralen Motiven (vgl. ebd.: 22). Karriereziele wie z. B. ein hohes Einkommen oder großen Einfluss zu besitzen, zählen in diesem System hingegen eher nicht zu den Beweggründen. Nachwuchs-wissenschaftler*innen gehen in Befragungen zu 76 Prozent davon aus, dass diese Karriereambitionen eher außerhalb der akademischen Forschung und Lehre realisierbar sind, als innerhalb des Wissenschaftssystems (29 Prozent) (vgl. ebd.: 23). Und in der Tat sind die Einkommenschancen für Promovierte im nicht-wissenschaftlichen Bereich mit einem durchschnittlichen Monatseinkommen von ca. 5.400 Euro um einiges höher als die Gehälter an einer Hochschule (ca. 4.100 Euro) (vgl. ebd.: 57).[1]

Deutlich wird: Die Karriereambitionen, Motive und persönlichen Kompetenzen stellen für die Planung einer Karriere entscheidende Faktoren dar! Auf dem Weg zur Universitätsprofessur braucht es eine große Affinität zum wissenschaftlichen Arbeiten, zur Lehre und Forschung. Gleichzeitig kann diesen Weg nur eine Person gehen, die über Ausdauer bzw. Beharrlichkeit und eine gewisse Risikobereitschaft verfügt. Sich von einer befristeten Stelle zur nächsten zu hangeln braucht Nerven und eher Marathon-, denn Sprint-Qualitäten.

Nicht für alle ist ein solcher Karriereweg erstrebenswert und attraktiv. Zumal der Doktortitel nicht ausschließlich für das Weiterkommen innerhalb der Hochschule eine Voraussetzung darstellt. Für einige Berufsgruppen, wie z. B. die der Ärzt*innen stellt er die Grundlage für eine Karriere in der Klinik dar. Und in bestimmten Branchen, wie z. B. in der Chemie, ist er eine gute Ausgangsbasis bzw. ein potenzieller Beschleuniger für den Weg an die Spitze.
Unabhängig von der Branche, den Doktortitel zu tragen ist für den Aufstieg in Führungspositionen von Vorteil. Zudem können durch ihn in der Wirtschaft höhere Einkommen erzielt werden (vgl. Krempkow 2014: 96). Es wundert also nicht, dass die Anzahl der Promovierten, die die Wissenschaft (akademische Forschung und Lehre) verlassen bei ca. 60 bis 80 Prozent liegt (vgl. Bredis et al. 2014: 1).

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[1] Wobei es an dieser Stelle anzumerken gilt, dass Männer – unabhängig von der Branche – die Einkommensgewinnerinnen sind. Der sog. Gender Pay Gap, der Einkommensunterschied zwischen Männern und Frauen, ist (besonders) in Westdeutschland eklatant. Laut einer Studie der Hans-Böckler-Stiftung liegt er über alle Branchen hinweg in Deutschland bei 21 Prozent (vgl. Statistisches Bundesamt 2016).

Alternative Karrierewege: Warum sich ein (frühzeitiger) Blick über den Tellerrand lohnt

Die Bezeichnung „alternative Karrierewege“ könnte in die Irre führen, falls er suggeriert, dass die einzig „wahre“ Karriere nach der Promotion die Uniprofessur wäre und alle anderen Wege hingegen die zweite Wahl. Wir verwenden diesen Begriff jedoch eher im Sinne einer perspektivischen Weitsicht und Offenheit inkl. der Selbstüberprüfung eigener Stärken, Wünsche, Motivationen und Ziele. Denn, der angestrebte Karriereweg muss nicht nur zur Qualifikation passen, sondern auch zur Persönlichkeit!

Dass es klug ist, die Karriereweichen rechtzeitig und langfristig zu stellen, zeigt sich daran, dass „die Möglichkeiten des intersektionalen Wechsels (also der Wechsel von der Wirtschaft/Industrie zurück in die Wissenschaft und vice versa), in der Regel (…) als eher gering einzustufen sind“ (Krempkow et al. 2014: 97). Je länger ein Karriereweg beschritten wurde, umso rarer sind die Exit-Optionen (vgl. ebd.).

Doch wohin des Weges nach der Promotion, wenn Frauen nicht in der Wissenschaft bleiben wollen und nicht Richtung Professur streben? Schauen wir uns die Karrierewege Wirtschaft, Fachhochschule und Selbständigkeit an.

Karriereweg Wirtschaft
Welche Aspekte sprechen für den Weg in die Wirtschaft? Zunächst: Die Chancen nach der Promotion in die Wirtschaft zu gehen und dort erfolgreich zu sein, sehen relativ gut aus. Promovierte erzielen in der Privatwirtschaft höhere Einkommen und sind überproportional häufig in Führungspositionen anzutreffen. Bekleiden sie eine Führungsrolle, dann ist ihre berufliche Zufriedenheit stark ausgeprägt (vgl. ebd.).
Soweit so gut, doch wie sieht es mit Werten und persönlichen Fähigkeiten aus? Wer nach Selbstbestimmung und inhaltlichen Freiräumen strebt bzw. wem diese für die persönliche Entfaltung wichtig sind, sollte diesen Weg für sich prüfen, denn diese Qualitäten sind eher in der Wissenschaft relevant. Wer hingegen Sicherheit und Beständigkeit eine höhere Bedeutung beimisst und Wert auf Praxis- und Lösungsorientierung legt, für diese Personen könnte die Option die richtige sein. Hinzukommen die guten Verdienstmöglichkeiten, die Option für eine Aufstiegskarriere und die Chance auf eine unbefristete Vollzeitbeschäftigung (die in diesem Bereich höher ist als beispielsweise in der Wissenschaft).

Karriereweg Fachhochschulprofessur
Der Wechsel von der Wirtschaft in die Wissenschaft – sowie umgekehrt – ist in der Regel nicht einfach zu realisieren. Wie jede Regel eine Ausnahme hat, existiert sie auch hier: Denn für die FH-Professur sind Berufserfahrungen außerhalb der Wissenschaft eine Grundvoraussetzung. Innerhalb des Wissenschaftssystems lange Zeit als Professur zweiter Wahl behandelt, erfährt die FH-Professur in den letzten Jahren einen Imagegewinn. Die Attraktivität dieser Position liegt im hohen Anwendungs- und Praxisbezug sowie in dem Schwerpunkt Lehre. Die Fachhochschulprofessur gilt als ein starker Transferpartner von wissenschaftlicher Erkenntnis in die Wirtschaft. Die Nachfrage nach Hochschullehrer*innen an Fachhochschulen wächst kontinuierlich, so dass Promovierte mit Berufserfahrungen in der Wirtschaft gute Chancen auf eine Professur haben.

Karriereweg Selbständigkeit
Über Promovierte, die in die Selbständigkeit gehen, ist noch nicht viel geforscht worden und somit wenig bekannt. (Umso besser, dass wir ein solche Person unter den Befragten – siehe nächstes Kapitel – haben!). Der Weg in die Selbständigkeit wird von einem geringen Teil der Promovierten gewählt und führt überwiegend in Tätigkeiten im Bereich Coaching, Training, Beratung, in die Gründung von einem Unternehmen bzw. Start Up, in die Übernahme einer Praxis bzw. zu dem Einstieg in eine Kanzlei (vgl. Briedis 2014: 59). Grundlegend für den Schritt in die Selbständigkeit ist eine Geschäftsidee (Produkt, Konzept etc.) und eine hohe Motivation, diese auf dem Markt zu Geld zu machen. Besonders für Alleinselbständige gilt, dass sie eine Vorliebe für autonomes und selbstorganisiertes Arbeiten mitbringen müssen, um sich für diesen Weg zu entscheiden. Mit Blick auf Start-Ups aus der Wissenschaft heraus ist eine neue Entwicklung zu beobachten: Hochschulabsolvent*innen gründen – mit beratender Unterstützung und Knowhow durch eine (häufig technischen) Hochschule – ein eigenes Unternehmen.

 „The sky is the limit!”
Karrierewege von Frauen nach der Promotion

Drei Frauen gaben in Interviews Auskunft über ihre ganz persönlichen Werdegänge, berichten davon was sie bewegt hat nach der Promotion eine Karriere außerhalb der Hochschule anzustreben, mit welchen Herausforderungen sie konfrontiert waren und schlussendlich welche Stärken und Haltungen für sie von elementarer Bedeutung waren, die Hürden zu nehmen und erfolgreich dort anzukommen, wohin sie wollten.

Karriereweg außeruniversitäre Forschung
Frau Dr. H. ist promovierte Naturwissenschaftlerin und Leiterin einer Fachgruppe in einer außeruniversitären Forschungseinrichtung. Sie bekleidet eine Führungsposition mit neun Mitarbeiter*innen und hat zwei Kinder. Nach der Promotion zog es sie zunächst ins Ausland, um weitere Arbeitserfahrungen im internationalen Kontext zu sammeln. Zurück in Deutschland profitierte sie in ihrer beruflichen Weiterentwicklung von der Teilnahme an einem Programm zur Unterstützung des wissenschaftlichen Nachwuchses. Den Anstoß für die Bewerbung gab ihr ein Mentor, der sie in dieser Karrierephase beratend unterstützte: „Ich wurde von einem damals emeritierten Professor […] ermutigt, mich auf das XY-Programm zu bewerben.“
Beide Aspekte – das wiss. Nachwuchsprogramm sowie die Unterstützung durch den Mentor – hatten, so Frau H., einen entscheidenden Einfluss auf ihren Aufstieg in eine Führungsposition.

Der Einstieg in die Führung des neunköpfigen Teams stellte Frau Dr. H. zunächst vor eine große Herausforderung. „Das Thema Führung. Vorbereitet war ich darauf nicht, so war der Prozess ‚Learning by doing‘“. Kommunikation mit Menschen unterschiedlicher Kulturen, dass man sie unterschiedlich „abholen und führen muss“, zählte zu einer der zentralen neuen Anforderungen. Eine weitere große Veränderung stellten die Arbeitsaufgaben und Inhalte dar. Statt überwiegend forschend tätig zu sein, wurde die Führung von Mitarbeitenden zur Hauptaufgabe, zu „…80 % organisiere [ich], dass die anderen ihre Aufgaben erfüllen.“ Verwaltungsaufgaben und das Einwerben von Drittmitteln zählten nun zu weiteren Haupttätigkeiten von Frau Dr. H. Forschung hingegen macht seitdem den geringsten Teil ihrer Arbeit aus.

Kinder und die Führungsposition miteinander zu vereinbaren, dafür bietet der Arbeitgeber von Frau Dr. H. einiges an. Es gibt einen betriebseigenen Kindergarten mit Ganztagsbetreuungsangebot auf dem Gelände, eine Notfallkinderbetreuung, die in Anspruch genommen werden kann sowie Vertrauensarbeitszeit. Insbesondere die Kinderbetreuung am Arbeitsort sowie die Vertrauensarbeitszeit sind für Frau Dr. H. von großem Vorteil, alles unter einen Hut zu bekommen.

Weil Vereinbarkeit von Kindern und Karriere gelingen kann, wenn der Arbeitgeber bedarfsgerechte Angebote stellt, empfiehlt Frau Dr. H. anderen Frauen: „Nicht zu viel Angst [zu] haben, Familie zu gründen.“ Außerdem rät sie: „Nicht alles mitzumachen, was von einem gefordert wird und rechtzeitig mit anderen zu reden, um Klärung von schwierigen Situationen zu finden.“ Sie plädiert für offene Kommunikation der Erfolge, statt (nur auf) Fleiß zu setzten: „Deutlicher formulieren was die eigene Leistung ist und was man möchte. Nicht anzunehmen, dass es schon jemand sehen wird, wie sehr man sich engagiert und aufopfert.“

Karriereweg Wirtschaft
Frau Dr. W. hat im Bereich Management promoviert. Sie ist Führungskraft in Teilzeit in einem mittelständischen Unternehmen mit drei Standorten weltweit. Ihr Team umfasst 25 Mitarbeiter*innen; sie ist Mutter von zwei Kindern.

„Ich wollte in die Wirtschaft gehen, das war mir vor der Promotion schon klar.“ Eine klare Präferenz für die Wirtschaft, obgleich „…es gab auch Möglichkeiten in der Wissenschaft zu bleiben. Ich wollte aber unbedingt in die Wirtschaft, da es meine Vorliebe war.“ Doch trotz dieser Klarheit, war der Weg in die Wirtschaft mit Herausforderungen verbunden. Es war nicht einfach „zu promovieren und parallel Mutter zu werden, dann auch weiter zu machen, wenn links und rechts alle aufhören.“ Und auch „den Sprung in die Wirtschaft zu schaffen, war mit Tiefen verbunden.“ Als Einstieg in einen Konzern nahm sie zunächst eine Stelle an, die unterhalb ihrer Qualifikation lag und stellte ihr Knowhow unter Beweis. Nach bereits zwei Monaten wurde ihr eine Traineestelle angeboten. Doch Frau Dr. W. blieb ihrem Motto „The sky is the limit!” treu und lehnte ab, um in ein mittelständisches Unternehmen zu wechseln, in dem sie für sich die besseren Karrierechancen sah.

Damit lag Frau Dr. W. goldrichtig. Sie erhielt im neuen Unternehmen, nach der Geburt ihres zweiten Kindes, ein Aufstiegsangebot. Und: „So bekam ich nach der Elternzeit sofort eine Leitungsposition.“ Unter der Voraussetzung, dass Flexibilität und Führung in Teilzeit gegeben sind, nahm sie die Position an. Denn für sie ist „Flexibilität Bedingung, um Familie und Karriere zu vereinbaren.“ Da der Einstieg in die Führungsposition zeitgleich mit einer Unternehmens-umstrukturierung zusammenfiel, sah sich Frau Dr. W. mehreren neuen Anforderungen gegenüber: Der Entwicklung neuer Unternehmensprozesse sowie der Übernahme von Führungsverantwortung.

Dass Frau Dr. W. Job und Kinder unter einen Hut bekommt, liegt an einem innovativen Arbeitszeit- und Beschäftigungsmodell des Unternehmens: Jobsharing sowie die Anpassung der Arbeitszeiten an die Betreuungszeiten der pädagogischen Einrichtungen. Konkret bedeutet das für Frau Dr. W., dass sie sich die Position mit einer anderen Führungskraft teilt. Sie ist täglich bis 14:00 Uhr im Unternehmen präsent, anschließend hat sie Zeit für ihre Kinder und geht am Abend in Homeoffice.

Frauen (mit Kindern) in Führungspositionen mit Jobsharing- und flexiblen Arbeitszeitangeboten zu unterstützen, damit tun sich nach wie vor viele Unternehmen schwer. Aus Frau Dr. W.´s Erzählungen wird deutlich, was bereits aus Studien bekannt ist: Es sind die Vorgesetzten, die darüber entscheiden, ob ein Unternehmen sich familien- und führungsfreundlich aufstellt. Im Fall von Frau Dr. W. war es ihr Vorgesetzter, der sie dabei unterstützte, die Leitungsposition in Teilzeit zu bekommen.

Frau Dr. W. beschreibt sich als ausgesprochen zufrieden mit ihrer beruflichen und familiären Situation. Doch welche Kompetenzen und Ressourcen ermöglich(t)en es ihr, ihren Karriereweg zu gehen? „Nicht zu verzweifeln, wenn man nicht gleich eine Stelle findet.“ Nach Alternativen schauen und diese als Chance zu begreifen und wahrzunehmen. Und auch wenn es mal schwierig wird, stets „Biss- und Hartnäckigkeit“ beweisen und sich nicht entmutigen lassen. Dabei war und ist für Frau Dr. W. ihre Vision von zentraler Bedeutung: „The sky ist the limit!“, denn „nach Höherem zu streben ist mir wichtig.“

Karriereweg Selbständigkeit
Frau Dr. E. ist promovierte Biochemikerin. Zunächst, nach der Promotion, in der Wissenschaft tätig, hat sie ein anderer Karriereweg gereizt: Sie wurde Coach, Trainerin und Mediatorin und ist seitdem selbständig tätig.

Doch wie kam es zu dieser Entscheidung? Denn, „eigentlich habe ich vorher nur schreckliche Dinge über Selbständigkeit gehört. Die arbeiten immer und haben keine Sicherheit.“ Der erste Impuls kam „aus der Erfahrung in einem Start-Up. Dort war ich in einem Bootcamp und habe einen sehr kreativen und offenen Austausch erlebt.“ Nach einem Berufsorientierungsseminar war sie sich sicher: Sie steigt aus der Wissenschaft aus und entscheidet sich für den Weg in die Selbstständigkeit. „Ich gelangte zu dem Schluss, dass eine wissenschaftliche Karriere für mich nicht das Richtige ist. Ich habe z. B. viel Zeit mit dem Schreiben von Anträgen und Veröffentlichungen verbracht – das wollte ich so nicht mehr.“ Während aus dem wissenschaftlichen Umfeld viele diese Entscheidung nicht verstanden, erhielt sie ermutigende Unterstützung aus ihrem privaten Milieu.

Zunächst ließ sich Frau Dr. E. zur Coach und Personaltrainerin ausbilden, einige Zeit später absolvierte sie eine Weiterbildung zur Mediatorin. Die größten Herausforderungen, denen sie sich in der Gründungsphase gegenübersah, bestanden darin, dass Steuerrecht zu erlernen, sich mit Akquise vertraut zu machen und mit der finanziellen Untersicherheit als Selbständige klar zu kommen. Dabei halfen ihr Kompetenzen, die sie in ihrer beruflichen Laufbahn in der Wissenschaft erworben hatte. Allen voran eine gewisse „Frustrationsresistenz“. Und auch Kernaufgaben ihrer jetzigen Tätigkeit, wie z. B. Konzepte zu entwerfen, Recherchen durchzuführen und Studien in ihre Arbeit als Coach und Trainerin zu implementieren, zählten dazu.

Auf Workshops an Universitäten und in mittelständischen Unternehmen spezialisiert, gibt sie Personaltrainings, Coachings für Führungskräfte und ist als Mediatorin tätig. Sie schätzt an ihrer Arbeit die Vielfalt von Entwicklungsmöglichkeiten, ob persönlich oder beruflich. Es fasziniert sie, mit Menschen unterschiedlicher Nationalitäten zu arbeiten. Networking und der Austausch mit Menschen stehen selbstverständlich im Mittelpunkt ihrer Selbständigkeit. Frau Dr. E. ist mit ihrer Entscheidung für diesen Karriereweg vollkommen zufrieden. Ihre zukünftige berufliche Ausrichtung steht im Zusammenhang mit einer weiteren Vorliebe von ihr: „…ich schätze bei meiner Arbeit auch die Reisetätigkeit. Langfristig möchte ich mich daher gern mehr auf eine internationale Tätigkeit ausrichten.“

Um den Übergang von der Wissenschaft in die Selbständigkeit zu ermöglichen, rät sie dazu, frühzeitig Netzwerke außerhalb der Wissenschaft aufzubauen. Sie empfiehlt Frauen für ihre Karriere häufiger mal „Nein“ zu sagen, nicht den Erwartungen anderer entsprechen wollen, sondern sich bewusst Zeit für sich zu nehmen, ist dabei „ebenfalls als Investition zu betrachten.“ „Nehmen Sie sich eine halbe Stunde am Tag für sich selbst, um herauszufinden, was Sie antreibt, um zu reflektieren und eigene Glaubenssätze zu hinterfragen.“ Schlussendlich: „Seien Sie mutig, trauen Sie sich etwas zu!“

Zentrale Karrieretipps und -strategien

Worauf kommt es an?
Unsere Interviewpartnerinnen sind ihren Karriereweg gegangen und zogen ihre persönlichen Schlüsse daraus. Im Rückblick formulierten sie, was für sie auf ihrem Weg wichtig war. Wir hoffen diese Tipps sind für Sie, liebe Leser*innen, wertvolle „Karrierekatalysatoren“ auf Ihrem persönlichen Weg.

Sichtbar sein! Erfolgreiche Frauen entscheiden sich in zentralen Situation für Präsenz. Sie nutzen die jeweils „erste Chanche“: Sie reden im Meeting von Beginn an und warten nicht, bis sich eine Gelegenheit ergibt oder schweigen. Sie präsentieren ihre Ergebnisse selbst und überlassen das nicht (männlichen) Kollegen. Sie gehen zum Socializing und arbeiten nicht noch schnell etwas weg. Sie formulieren ihre Leistungen souverän und lächeln nicht freundlich schweigend. Sie sind in Netzwerken aktiv.

Mutig sein! Erfolgreiche Frauen kennen typisch weibliche Blockaden wie Selbstzweifel oder Bescheidenheit und verabschieden sich von ihnen. Den eigenen Interessen nachgehen, ins kalte Wasser springen und Mut zur Lücke aufbringen, sind mutige Handlungsstrategien. Auch der Blick auf die bisherigen Leistungen, auf die Erfolge und die selbst erfüllten Wünsche gehören zu einer guten Strategie.

Eigenständig sein! Erfolgreiche Frauen warten nicht auf den Moment, in dem sie „wachgeküsst“ werden. Sie entwickeln selbst eine Idee von ihrem Karriereweg und fordern ihre Ansprüche daran ein. Sie probieren sich aus und entwickeln sich weiter. Sie grenzen sich von überholten Rollenbildern ab und gehen ihren eigenen Weg – auch bei Widerständen. Sie zeigen Mut zur Unsicherheit.

Selbstbewusst sein! Erfolgreiche Frauen kennen ihre Stärken und setzen sie gezielt ein. Sie wollen Verantwortung übernehmen und Ideen durchsetzen. Sie zeigen ihre Persönlichkeit und sind inspirierend für andere. Sie lehnen Aufgaben ab, die sie von ihren Interessen abhalten. Sie gehen in den Wettbewerb und zeigen, was sie können.

Visionär sein! Erfolgreiche Frauen haben Zukunftsbilder. Sie träumen von einem bestimmten Leben. Die Vision treibt sie an, motiviert sie und führt sie ins Handeln. Sie wissen, dass die Vision nicht der Alltag ist. Dennoch lassen sie sich von ihr leiten und nutzen die Energie zum Handeln.

Was sollte vermieden werden?
Das Wissen um die Risiken von Karrieren sollten nicht ausgeblendet werden. Zu leicht treten Frauen in sog. Genderfallen; außerdem sind sie strukturell nach wie vor benachteiligt und sollten deshalb vor fünf Risiken gewappnet sein.

Bescheidenheit. Frauen lernen es nicht, sich in den Mittelpunkt zu stellen und werden für ihre Genügsamkeit, Anspruchslosigkeit und Zurückhaltung belohnt. Wenn es um eine Führungsposition geht, behindern die sozialisierten Verhaltensweisen ihre Karriere. „Führenwollen“ hat viel mit Ansprüchen, Interessen und Durchsetzungsvermögen zu tun. Die „Alpha-Tier“-Strategie passt allerdings nicht zu den Sozialisationserfahrungen der meisten Frauen. Sie haben die Strategie erlernt, entweder passt du dich an und gehörst dazu oder du wirst ausgeschlossen. Bescheidenheit verhindert Profilierung und damit die Positionen an der Spitze.

Fleiß. Frauen sind in Hilfsbereitschaft sozialisiert. Sie zeigen Bereitwilligkeit, Strebsamkeit, Arbeitseifer und hoffen, dass ihr Fleiß belohnt wird. Sie übersehen dabei, dass Führungspositionen nach anderen Kriterien vergeben werden. Ab dem Moment, in dem es nicht mehr um den Erwerb von Bildungsabschlüssen geht, sondern proaktives Verhalten gefordert ist, sind Frauen eher passiv und werden von männlichen Kollegen überholt.

Perfektionismus. Frauen sind längst die „Bildungsgewinner*innen“ – auch im internationalen Vergleich und gleichzeitig in Führungspositionen noch viel zu selten vertreten. Sie sind  hochqualifiziert und gehen oder kommen nicht an die Spitze. Einen Grund dafür nennt die Marketing-Direktorin Claudia Ivascu: „Frauen gehen mit einer subtileren, analytischeren Haltung an Führungspositionen heran und greifen erst danach, wenn sie sicher sind, dem eigenen hohen Anspruch gerecht zu werden. Bis dahin haben allerdings schon etliche Männer den Job klargemacht“ (Vosskühler 2016). Ihr Perfektionismus hält sie davon ab, selbstbewusst ihren Hut in den Ring zu werfen.

Abwarten. Frauen warten darauf, an der Reihe zu sein und von anderen (als Talent, Führungspersönlichkeit etc.) erkannt zu werden. Da sie in Schule und Studium mit Bescheidenheit, Fleiß und Perfektionismus weit gekommen sind, verlassen sie sich darauf, dass im Beruf die Dinge schon auf sie zukommen werden. Sie warten auf Vorgesetzte oder auf den Zufall, der ihren Karriereweg fördert. Auch die Familiengründung kann sie in eine „Warteposition“ versetzen.

Kinder & Arbeitsteilung. Fehlende Freiräume durch die Verantwortung für Kinder und die Hauptzuständigkeit für die Hausarbeit sind nach wie vor Karriererisiken für Frauen, vor allem dann, wenn sie in Führungspositionen wollen. Die Verfügbarkeitsanforderungen von Wissenschaft und Wirtschaft stehen im Gegensatz zu Betreuungsanforderungen von Kindern. Zudem liegt die Hauptverantwortung für Vereinbarkeit, trotz der Errungenschaften bei der Kinderbetreuung, nach wie vor bei den Frauen. In der Konsequenz tragen sie die Hauptlast der sozialen Verpflichtungen und versuchen die „Quadratur des Kreises“ zu bewältigen.

Zusammenfassung

Sie sehen, liebe Leser*innen: Mit einer Promotion stehen Akademikerinnen zahlreiche Karrierewege offen. Studien und die Aussagen der befragten Frauen zeigen, dass diese strategisch frühzeitig vorbereitet werden müssen und jeder Weg mit unterschiedlichen Chancen, Anforderungen, Herausforderungen und Kompetenzen verknüpft ist. Es gilt in diesen Entscheidungsprozessen die strukturellen Voraussetzungen von Wirtschaft und Wissenschaft zu berücksichtigen sowie zu bedenken, dass Hochschulen und Wirtschaft (noch) voneinander abgegrenzte Karriereinstitutionen darstellen. Trotz der Wandlungsprozesse innerhalb der Hochschulen und der Karriereentwicklungen allgemein, ist ein Wechsel von dem einen in das andere System (noch) nicht adhoq möglich.

Unabhängig davon, welchen Weg Sie, liebe Leser*innen, gehen – und das wird an den drei Karrierewegen der vorgestellten Frauen deutlich – ohne Kontakte und Förder*innen wird er steinig. Wer hingegen auf die Tipps von Mentor*innen, ihr Expert*innen-Netz sowie auf eigene Netzwerke in verschiedenen beruflichen Branchen zurückgreifen kann, dessen Karrierewege sind geebnet und die gesetzten Ziele sind schneller erreichbar.

Da Kinder zu haben leider nach wie vor ein Karrierenachteil für Frauen ist (Willkommen im 21. Jahrhundert!), nicht dagegen für den Großteil der Männer, ist es umso wichtiger, sich mit diesem Thema frühzeitig zu befassen. So zum Beispiel mit der Frage: Was braucht es, um Beruf bzw. Führung und Kinder zu vereinbaren? Und auch auf diese Frage erhalten wir in diesem Beitrag Antworten. Grundlegend sind hierfür strukturelle Angebote der Arbeitgeber*innen, wie z. B. innovative Arbeitszeitmodelle, an den Bedarfen der Familien orientierte Betreuungsangebote und -orte sowie Vorgesetzte, die Frauen unterstützen. Das mag wie ein alter Hut klingen, aber stellt leider noch immer keine Selbstverständlichkeit dar.

Was gilt es für Frauen, die an der Wegkreuzung stehen, noch zu prüfen? Wir empfehlen eine Reflexion der persönlichen Präferenzen, Kompetenzen und Karriereziele, aber auch der Träume und Visionen. Orientierung hierbei geben die Erfahrungen und Karrieretipps der Frauen, die bereits ihren Karriereweg gefunden haben. An den vorgestellten Karrieren in der außeruniversitären Wissenschaft, der Wirtschaft und der Selbständigkeit können Sie überprüfen, welcher zu Ihnen passen könnte.

Wir hoffen, Sie, liebe Leser*innen, können Hilfreiches für Ihren Weg mitnehmen! Denken Sie daran, dass, nur wer neue Wege beleuchtet, auch neue Pfade beschreiten kann. In diesem Sinne: Wir wünschen Ihnen dabei Mut, Visionen und Selbstvertrauen!

Literatur & Quellen

Beaufays, S./Engels, A./Kahlert, H. (Hg.) (2012): Einfach Spitze? Neue Geschlechterperspektiven auf Karrieren in der Wissenschaft. Campus Verlag.

Briedis, K./Jaksztat, St./Preßler, N./Schürmann, R./Schwarzer, A. (2014): Berufswunsch Wissenschaft? Laufbahnentscheidungen für oder gegen eine wissenschaftliche Karriere. Forum Hochschule 8/2014. Deutsches Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung.

Gross, Chr./Urbanski, D./Schoger, L. (2017): Karrierewege und -perspektiven von promovierten Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern. Studie im Rahmen des Bundesberichts Wissenschaftlicher Nachwuchs (BuWiN) 2017.

Krempkow, R./Huber, N./Winkelhage, J. (2014): Warum verlassen Promovierte die Wissenschaft oder bleiben? Ein Überblick zum (gewünschten) beruflichen Verbleib nach der Promotion. In: Qualität in der Wissenschaft, 4/2014, S. 96-106.

Novotny, R. (2017): Die Schuld der Mütter: Elternzeit ist Frauenzeit. Das liegt nicht nur an faulen Vätern. Die ZEIT, 34. Ausgabe.

Statistisches Bundesamt (2016): Verdienstunterschiede zwischen Männern und Frauen in Deutschland bei 21 Prozent. Pressemitteilung vom 16. März 2016 – 097/16. Online am 05.10.2017 abgerufen.

Vosskühler, Gabriele (2016): Gläserne Decke: Warum viele hoffungsfrohe Frauenkarrieren scheitern. www.welt.de. Abgerufen am 02.10.2017

ZEIT Magazin (2015): Frauen in der Wissenschaft: „Ziemlich scheinheilig“. Interview mit Ingrid Wünning Tschol, Initiatorin des Frauennetzwerkes AcademiaNet, 25. Ausgabe.

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Pro Exzellenzia arbeitet aktiv daran, den Anteil von Frauen in Hamburger Chef*innen-Etagen deutlich und nachhaltig zu erhöhen. Das Programm wendet sich an Hochschulabsolventinnen, Promovendinnen und Postdocs, die eine Führungsposition in Wissenschaft, Wirtschaft, Politik, Verwaltung oder Kultur anstreben.

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Das Projekt Pro Exzellenzia wird aus dem Europäischen Sozialfonds ESF und von der Behörde für Wissenschaft, Forschung und Gleichstellung der Freien und Hansestadt Hamburg finanziert.
Projektlaufzeit: 01.01.2017 - 31.12.2020

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