Pro Exzellenzia 4.0-Stipendiatinnen am Limit

Pro Exzellenzia 4.0-Stipendiatinnen am Limit

Die Corona-Pandemie hat gravierende Auswirkungen auf die Karriere von Wissenschaftlerinnen mit Kindern. Damit ist nicht nur die jüngste Vergangenheit gemeint, sondern auch zukünftig haben sie – so zeigen erste Studien (https://www.faz.net/aktuell/karriere-hochschule/corona-bedroht-die-karrieren-junger-forscherinnen-16759399.html) – mit Nachteilen zu rechnen.

Angesichts der stark zugenommenen Mehrfachbelastungen und den erschwerten Forschungsbedingungen für Wissenschaftler*innen hatten sie in den letzten Monaten weniger, bis keine Zeit, um zu forschen, zu publizieren oder Beiträge einzureichen.

Dieses führt für sie zukünftig zu einer geringeren Anzahl von Publikations- und Forschungsanträgen als bei ihren männlichen Kollegen oder kinderlosen Wissenschaftlerinnen und trägt zu Karrierenachteilen bei.

Zahlreiche der Stipendiatinnen von Pro Exzellenzia 4.0 haben Kinder und berichten ganz persönlich von ihren Erfahrungen während der Corona-Pandemie.

Sie berichten von Sorgen um ihre Doktorarbeiten, von extremen Belastungen durch die Mehrarbeit, der fehlenden Ruhe und Zeit, die wissenschaftlich-konzentriertes Arbeiten braucht, von körperlich-seelischen Folgen, sowie von ihrem Empören darüber, dass sie sich in eine Aufgaben- und Rollenverteilung der 50er-Jahre zurückversetzt fühlen.

Corona Tagebuch

Ich bin Mutter von zwei Kindern im Kita-Alter und arbeite auf einer 50% Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin. Ich habe in den letzten 3 Monaten so viele Schmerztabletten wie noch nie in meinem Leben genommen und habe einen Hörsturz erlitten. Seitdem leide ich immer wieder an Ohrgeräuschen.

Ähnliches höre ich von Menschen in meinem Umfeld. Ich habe den Eindruck, dass fast niemand (zumindest niemand mit Kindern) in dieser Krise unbeschadet geblieben ist. Freunde meiner Kinder leiden plötzlich an Neurodermitis und es schmerzt mich, meine eigene Tochter melancholisch und traurig zu sehen und nicht ausdrücken zu können, was ihr fehlt.

Neben der offensichtlichen Unvereinbarkeit, 58,5 Arbeitsstunden von meinem Partner und mir an einem Tag zusätzlich zur Hausarbeit und Kinderbetreuung unterzubringen, macht mir vor allem die Tatsache zu schaffen, dass ich mich gerade durch diese Belastung auf einem (beruflichen) Abstellgleis befinde. Ich kann nur die nötigsten operativen Aufgaben meiner Stelle erfüllen.

Für visionäre, konzentrierte Arbeit und die Mitarbeit in (neuen) Projekten fehlen mir die Zeit und auch die Kraft. Während meine Kolleg*innen ohne Kinder die Krise als Möglichkeit feiern und sich – zumindest zu Beginn des Lockdowns – in die Entwicklung und Beantragung neuer Projekte zur Auswirkung von Corona auf die Stadt, die Menschen etc. stürzen, schaue ich nur müde zu und verpasse ein Meeting nach dem anderen, um mein Wissen und meine Kompetenzen einbringen zu können.

Die Welt scheint von einem Tag auf den anderen zweigeteilt zu sein: in die der Kreativen kinderlosen und die der zu Hause eingesperrten Eltern.

Wissenschaftliches Arbeiten in Zeiten der Corona-Krise mit kleinem Kind

Vor drei Tagen mal wieder ein Zusammentreffen mit einem Mitglied unseres Graduiertenkollegs, er brachte mir meine Kamera zurück, die er in Vor-Corona-Zeiten von mir ausgeliehen hatte.

Wir nutzten die Gelegenheit, um uns über die Distanz hinweg wenigstens kurz über „die Lage“ auszutauschen. Er genieße die Ruhe; Corona sei perfekt schwärmte er, um die Dissertation fertigzumachen, er hätte so viel Zeit, wie seit Langem nicht mehr … er plane sie Ende Juli abzugeben. Und bei dir…? Er wirkt erholt wie nach einem Yoga-Retreat.

Während man ihm natürlich gratuliert, hat man Angst vor der Gegenfrage, denn was ich von meinem Alltag als alleinerziehende Wissenschaftlerin mit einem dreijährigen Sohn berichten könnte, ist ein Lagebericht von der Front, der den Leuten normalerweise eher ein peinlich berührtes Kopfnicken entlockt. Und die das „social distancing“ zwischen uns in eine reale soziale Distanz verwandelt.

Denn die Realität ist: Ich komme seit Wochen zu nichts, ich habe überhaupt keine Zeit und ich habe keine Perspektive, wann sich das wieder ändert. Eine lang vorbereitete Konferenz in Großbritannien – natürlich abgesagt. Eine Deadline für eine wichtige dissertationsrelevante Publikation, die frau sich mühsam organisiert hatte – unter den Umständen unmöglich zu halten.

Die Zeit, die mir ein Abschlussstipendium schenken sollte – zerrinnt mir unter den Fingern. Ich habe das Gefühl, vor lauter Alltagsmanagement den Kontakt zu meinen Inhalten zu verlieren. Eigentlich forsche ich zum Zusammenhang zwischen Körper, Bewegung und Politik – und seit den Kitaschließungen ist dieser Zusammenhang ganz anders relevant und topaktuell geworden und ich sitze buchstäblich zu Hause fest.

In einer Hausfrauenrealität der 50er Jahre: Ich koche, wasche, betreue mein Kind. Ich versuche, dem Kleinen beizubringen, warum er seine Freunde in der Kita nicht mehr sehen kann, indem ich mit ihm ein Coronavirus aus Papier bastele. Ich versuche, ihm die fehlenden Spielpartner zu ersetzen und kann es natürlich doch nicht.

Die größte Kraftanstrengung ist, ihn meine Erschöpfung und Frustration nicht spüren zu lassen. Wir machen schöne Ausflüge, damit wir die Zeit sinnvoll nutzen können, aber trotzdem spüre ich auch, dass es eine Flucht vor dem Gefühl ist, dass mein Hirn jeden Tag schrumpft. In den Abenden, wenn er dann schläft, bin ich erschöpft und versuche, meine Kollegin in Brasilien zu erreichen, die als queere Person in einem Pandemie-geplagten Land unter Bolsonaro überleben muss.

Wenn ich mich nachts noch mal aufraffe, stelle ich nach fünf Seiten englischer wissenschaftlicher Fachliteratur fest, dass ich zwar eifrig anstreiche, aber diese Punkte schon zwei Seiten weiter wieder vergessen habe und nicht wirklich weiß, wann ich diese verstreuten Krümel wissenschaftlicher Praxis jemals in einem konzentrierten Schreibprozess versammeln soll. Und jetzt aber ab ins Bett, denn um 6 Uhr steht der Kleine wieder auf der Matte. Dieser Zustand ist nur mit viel Galgenhumor und im Kapitulationsmodus zu ertragen.

Es geht eben gerade (fast) nichts, das ist die ehrliche Antwort. „Und anderweitige Kinderbetreuung“, fragt er nach, „du bist doch sonst immer so gut organisiert?“ Wie soll man ihm erklären, dass ein mühsam austariertes System einfach kollabiert ist. Die Babysitterin ist Asthmatikerin und außerdem im 7 Monat schwanger, natürlich will frau sie nicht gefährden…

Und Notbetreuung, – ja seit letzter Woche für ein paar Stunden, da gehe ich einkaufen, damit der Kleine im Supermarkt nicht alles anfasst, beseitige das gröbste Chaos zu Hause, koche vor, damit was da ist, wenn der Kleine aus der Kita kommt, und hab dann noch eine Stunde, um die wichtigsten Mail zu beantworten und meinen Student*innen online zur Verfügung zu stehen.

Versuche, die Panik zu verarbeiten, die die letzte Mailboxnachricht meiner Doktormutter ausgelöst hat: „Wie es denn aussähe mit dem Zeitplan für die Diss, die Uni bekäme ja einen neuen Präsidenten, das könne sich negativ auf den Fortgang …“.

Er wirkt irgendwie schockiert. Er könne ja mal für mich einkaufen gehen. Ich mache einen Witz und versuche Stärke und Leichtigkeit auszustrahlen. Die Wahrheit ist: Wir sitzen nicht im gleichen Boot. Diese Krise macht uns ungleich und es wird sich nicht substanziell etwas ändern, solange Care-Arbeit nicht als gesellschaftlich-relevante Arbeit anerkannt wird.

Was diese Krise mit mir, meiner Psyche und meinem Körper gemacht hat

Die ersten fünf Wochen der Schul- und Kita-Schließung habe ich praktisch alleine auf unsere Kinder aufgepasst! Mein Mann ist zu dieser Vollzeit arbeiten gegangen. Ich habe nahezu nichts für meine Promotion machen können, denn Homeoffice mit drei noch vergleichsweise kleinen Kindern ist vollkommen unmöglich und geht komplett an der Realität vorbei.

Die ersten Wochen konnte ich mich noch von Woche zu Woche motivieren und habe mir gesagt, ich schaffe das. Dies gelang mir irgendwann nicht mehr. Ich fühlte mich vollkommen allein gelassen und perspektivlos. Gleichzeitig wurde ich immer wütender, dass insbesondere Frauen so in die Abhängigkeit gedrängt werden.

Die Situation entspannte sich nicht, neben den sowieso schon zahlreichen Haushaltsaufgaben, wuchs der Druck auch noch meinem ältesten Kind irgendwie die sich anhäufenden Schulaufgaben überhaupt bereitzustellen und die Aufgabenstellung zu vermitteln. Ein interessantes Unterfangen, wenn man nebenbei auch noch zwei Kinder im Kindergarten bzw. Krippenalter versorgt und versucht zumindest die zwingend notwendigen administrativen Aufgaben der Promotion zu erledigen.

Aber normalerweise leisten diese Arbeit ja mindestens drei Menschen in voller Erwerbstätigkeit. Ich konnte nicht mehr, täglich bin ich mindestens einmal in Tränen ausgebrochen und wusste nicht mehr, wie es weitergehen soll. Nachts bin ich aufgewacht und hatte Atemnot. Das Ganze hatte natürlich einen massiven Einfluss auf die gesamte Stimmung in der Familie. Ich konnte nicht mehr zum zwanzigsten Mal alles geduldig erklären, dafür fehlte mir einfach die Kraft.

Ich und wir alle brauchten dringend eine Lösung. Ich haderte lange damit, ob wir nun wirklich Notbetreuungsbedarf haben. Denn in all den schönen Briefen der Schule und Kita dankten immer nur alle, wie toll es ist, dass wir alle so solidarisch sind und unsere Kinder zu Hause betreuen.

Doch gleichzeitig stieg in mir die Wut über meine Situation. Ich schrieb also der Kita-Leitung, ob meine beiden kleinen Kinder nicht wenigstens tageweise kommen könnten. Uns wurde sehr aufgeschlossen begegnet und es war nicht die kleinste Diskussion notwendig, nachdem wir unsere Situation geschildert hatten. Von nun an kehrte etwas Entspannung ein.

Auch mein großes Kind geht mittlerweile in die Notbetreuung in der Schule. Ich habe mir meine Zeit für meine Promotion zurückgefordert. Was bleibt, ist eine große Wut auf das familienpolitische Versagen unserer Regierung. Ich bin fassungslos darüber, dass es billigend in Kauf genommen wird, dass reihenweise junge Frauen in die emotionale und finanzielle Abhängigkeit geschickt werden.

Mir geht es, seitdem ich wieder regelmäßig arbeiten gehe, viel besser, die nächtliche Atemnot ist verschwunden. Wahnsinn was diese Krise mit mir, meiner Psyche und meinem Körper gemacht hat.

Es bleibt weder Raum noch Zeit für konzentriertes, wissenschaftliches Arbeiten

Insbesondere die Schulschließungen und die Schließung der HCU für u. a. Gastwissenschaftler*innen haben massiven Einfluss auf meine Arbeit und meinen Arbeitsfortschritt. Der Einfluss der Krise auf meine Arbeit war zunächst massiv.

Infolge der zahlreichen, superkurzfristigen und meinen Alltag einschneidenden Veränderungen und Beschränkungen zur Bewältigung der Pandemie habe ich den Überblick verloren. Erst nach einer ersten telefonischen Beratung bei Pro Exzellenzia 4.0, konnte ich die Situation überhaupt wieder erfassen und wieder in die Selbstwirksamkeit kommen.

Ich habe meine großen, komplexen Ziele für dieses Jahr in kleinere zerlegt und/oder neu definiert. Und da sich auch meine bereits akquirierten Forschungspartner krisenbedingt zurückgezogen haben, habe ich auch meine Arbeits- und Forschungsmethoden der Situation angepasst.

Durch die Schulschließungen und vor allem durch die Verlagerung des Großteiles der Arbeit der Lehrer*innen auf die Eltern, bleibt mein Arbeitsfortschritt dennoch weit hinter dem gewohnten und geplanten. Bei gleichzeitigem Homeschooling und dem Mehraufwand für den Haushalt infolge unserer dauerhaften Anwesenheit bleiben weder ausreichend Raum noch Zeit und Ruhe für konzentriertes, wissenschaftliches Arbeiten.

Das bedaure ich sehr, da sich mein Stipendium auf dieses Jahr begrenzt und mir einige der Grundlagen, die ich für den weiteren Verlauf meiner Postdoc-Phase erarbeiten wollte, fehlen werden.

Aus den kleineren oder neu definierten Zielen und Projekten zeichnen sich aber erste Erfolgssprösslinge ab: Ich habe erfolgreich an zwei Calls teilgenommen und kann so in der zweiten Jahreshälfte an meiner wissenschaftlichen Sichtbarkeit und meinem Netzwerk arbeiten.

Und ein neu aufgegleistes Thema steht nun auch in den Startlöchern. Die Ergebnisse dieser zaghaften Teilerfolge werden allerdings erst im Herbst vorliegen. Die Konferenz, zu der ich eingeladen bin, wird erst im Dezember stattfinden. Entsprechend kann ich die Ernte dieser Sprosse nicht mehr während der Laufzeit des Stipendiums einfahren.

Das gleiche gilt für meine ursprünglich geplante Forschungsarbeit, die durch den krisenbedingten Rückzug der Partner brachliegt. In den letzten Tagen ist es mir gelungen, die ersten wieder aus ihrer Deckung zu locken. So kann auch dieses Vorhaben langsam wieder Fahrt aufnehmen – mit Ergebnissen ist allerdings auch hier frühestens zum Jahresende zu rechnen.

Sollte das Homeschooling auch im nächsten Schuljahr fortgesetzt werden, wird sich insbesondere die Auswertung der Feldforschungen womöglich noch länger hinziehen.

Foto: Pixabay

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